Situationsansatz

Die Pädagogische Arbeit im Kinderhaus basiert auf dem Situationsansatz:

Der Situationsansatz ist ein anspruchsvolles und modernes pädagogisches Konzept, das den Anforderungen des Lebens in einer Zeit des Wandels, der Veränderung, der Widersprüche, des Risikos, der Verschiedenheit, und der Selbstverantwortung gerecht wird. Der Situationsansatz hat seine Wurzeln in der Elementarpädagogik und wurde in den letzten Jahren auch für andere Erziehungs- und Bildungseinrichtungen adaptiert.

Der Situationsansatz verfolgt das Ziel, Kinder unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft darin zu unterstützen, ihre Lebenswelt zu verstehen und selbstbestimmt, kompetent und verantwortungsvoll zu gestalten. Inhalt des Lernens und der Bildung ist das vielfältige und widersprüchliche Leben der Kinder selbst, sind ihre Erfahrungen und Fragen, ihre unmittelbaren Erlebnisse und die Herausforderungen, die ihnen dabei begegnen.

Die Aneignung von Wissen und Können erfolgt durch Teilhabe am realen Leben, in dem Kinder als handelnde Subjekte eine Rolle spielen, in dem die Aneignung von Wissen und Können für sie einen Sinn und eine Bedeutung hat. (ISTA-Institut für den Situatinsansatz)

Kinder bringen ihre eigenen Themen, Intersessen, Bedürfnisse und Erfahrungen mit ins Kinderhaus. Diese Individualität wird im Kinderhaus anerkannt, respektiert und geschätzt.

Neben der Individualität jedes Einzelnen, sind bei uns im Kinderhaus vertrauensvolle Beziehungen, die Gemeinschaft und ein gutes Miteinander sehr wichtig. „Gemeinschaftsfähig zu werden bedeutet, sich zugehörig fühlen zu können, bereit und imstande zu sein, das soziale Miteinander zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Kinder entwickeln Interesse an anderen, bilden Freundschaften und wirken an Entscheidungen in der Gruppe mit. Sie lernen das Denken, Fühlen und Handeln anderer zu verstehen und zu respektieren“ (Orientierungsplan Baden-Württemberg, S. 21) Im Umgang mit Anderen lernen Kinder bei uns die Fähigkeit des Aushandelns, der Kooperation und Solidarität zu leben.

Der Situationsansatz enthält neben dem wichtigen Bereich des sozialen Lernens auch einen ausdrücklichen Bildungsanspruch:

Bild vom Kind

„Kinder verfügen über Möglichkeiten, ihre Entwicklung selbst zu steuern, den aktiven Part im alltäglichen Tun zu übernehmen, soziale Akteure zu sein“ (Zimmer 2006, S. 18)

Der Situationsansatz geht vom selbständigen und selbsttätigen Kind aus – davon, dass Kinder neugierig und wissbegierig sind, ihre Umwelt erkunden, ihre Meinung äußern und die Situationen ihres Lebens mitgestalten wollen. Kinder werden als kompetente, fähige, zielgerichtete Persönlichkeiten angesehen, die sich aktiv mit Themen, Fragestellungen und Problemen auseinandersetzen und Lösungen anstreben. Dabei stehen die Individualität jedes einzelnen Kindes, seine Art des Denkens und sich die Welt anzueignen im Mittelpunkt.

(Tacheles Themenheft: Pädagogische Ansätze und Handlungskonzepte, S. 6)

Ziele

Ziel des Situationsansatzes ist es, „…Kinder mit verschiedener Herkunft und mit unterschiedlicher Lerngeschichte zu befähigen, in Situationen ihres gegenwärtigen und zukünftigen Lebens möglichst autonom, solidarisch und kompetent zu handeln“ (Zimmer 2006, S. 14)

  • Autonomie = Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Eigeninitiative, Selbstständigkeit
  • Solidarität= Achtung, Toleranz, Frieden, Versöhnung, Verantwortung
  • Kompetenz= Bildung, Wissen, Befähigung

Pädagogische Grundlagen

  • Lernen in altersgemischten Gruppen In altersgemischten Gruppen lernen die Kinder voneinander. Die jüngeren Kinder lernen von den Älteren und nehmen sie als Vorbilder. Die älteren Kinder lernen Rücksicht zu nehmen, Unterstützung zu geben und Verantwortung zu übernehmen. Dadurch erleben sie sich als „Große“.
  • Lebensweltorientierung und Lernen in Sinnzusammenhängen „Lasst das Leben rein!“ Unsere pädagogische Arbeit geht von den Lebenssituationen der Kinder und ihrer Familien aus. Lernen findet in Sinnzusammenhängen statt, d.h. wir fördern selbständiges Denken, forschendes und entdeckendes Lernen in realen Situationen. Die Kinder sollen die Welt zunehmend verstehen und hinterfagen, anstatt Anweisungen zu empfangen und auszuführen. „Man soll denken lehren, nicht Gedachtes.“ (Cornelius Gurlitt, deutscher Architekt und Kunsthistoriker)
  • Integrative und multikulturelle Erziehung „Alle Kinder sind einzigartig, jedes ist besonders“ „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteilligt werden.“ (Grundgesetz Artikel 3, Absatz 3) In unserer Gesellschaft leben Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen, mit unterschiedlichen Orientierungen, Werten und Lebensentwürfen. Diese Vielfalt findet sich auch bei uns im Kinderhaus. Durch einen vorurteilsbewussten Umgang mit unterschiedlichen Menschen und Kulturen können Kinder vielfältige positive Erfahrungen sammeln. Dadurch lernen die Kinder Toleranz und Respekt, auch vor den Rechten von Minderheiten. Jedes Kind hat ein Recht auf gleichberechtigte Bildungschancen und soziale Teilhabe. Dies erfordert von allen Beteiligten eine Haltung und ein Handeln mit dem Ziel der Inklusion.
  • Partizipation und Projektarbeit Wir orientieren uns an demokratischen Grundwerten. Die Kinder gestalten ihren Alltag aktiv mit (Partizipation).
    Wir bieten den Kindern die Möglichkeit, den Sinn von Normen und Werten im täglichen Zusammenleben zu erfahren. Sie beteiligen sich daran, Regeln zu erarbeiten und erleben dadurch, dass sie veränderbar sind.
  • Einbeziehung von Eltern und anderen Erwachsenen Auf eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern wird besonders Wert gelegt. Eltern sind bei uns nicht nur „Zaungäste“ sondern Mitwirkende, die sich auf individuelle und vielfältige Weise im Kinderhaus einbringen können. Wir legen großen Wert auf eine enge Erziehungspartnerschaft.
  • Öffnung nach außen Unser Aktionsradius beschränkt sich nicht nur auf die Räumlichkeiten des Kinderhauses. Es ist vielmehr ein Anliegen des Situationsansatzes, hinaus zu gehen ins Gemeinwesen und den Kindern auch hier vielfältige Lern- und Erfahrungsorte zu erschließen. (Literatur: Jürgen Zimmer, Das kleine Handbuch zum Situationsansatz)

Haltung, Professionalität und Rolle der pädägogischen Fachkraft

Im Situationsansatz vollzieht sich Lernen in einem Erfahrungs- und Kommunikationsprozess zwischen allen Beteiligten. Die pädagogische Fachkraft ist einerseits selbst Mitlernende, andererseits aber auch Expertin. Als Expertin erkennt sie im Dialog mit den Kindern, in welchen Themen Schlüsselsituationen für momentane und künftige Lenenssituationen liegen, und baut darauf ihre pädagogische Planung auf. Sie regt die Bildungsprozesse der Kinder an und unterstützt deren Entwicklung und Lernen. Als Mitwirkende lässt sich die pädagogische Fachkraft offen und neugierg auf die Prozesse der Kinder ein. Dem Kind ist sie Partnerin, Begleiterin, Vorbild und soziales Gegenüber, bietet Anregungen und stellt Material zur Verfügung. (aus Tacheles Themenheft: Pädagogische Ansätze und Handlungskonzepte, S. 6) Das erfordert viel Offenheit und Flexibilität.

Methoden, Material und Raumgestaltung

  • Situationsanalyse Die pädagogischen Fachkräfte führen eine Situationsanalyse durch, d.h. sie erkunden die Lebenswelt der Kinder, legen zusammen mit den Familien Lernziele fest und stimmen ihre pädagogischen Angebote darauf ab. „Aus der Situationsanalyse und der Beobachtung der Bildungs- und Entwicklungsprozesse leitet die pädagogische Fachkraft die für Kinder bedeutsamen Fragen und Themen ab. (Schlüsselsituationen)“ (aus Tacheles Themenheft: Pädagogische Ansätze und Handlungskonzepte, S. 7) Wir beobachten die Kinder regelmäßig und greifen die Erfahrungen, Erlebnisse und Fragen der Kinder auf und unterstützen die Kinder darin, diese zu bewältigen, zu verstehen, zu gestalten und zu verändern. Aus diesen Themen werden „diejenigen ausgewählt, die für die Kinder Lern-, Entwicklungs- und Gestaltungschancen beinhalten. Projekte zu den Themen werden unter Beteiligung der Kinder geplant, durchgeführt, dokumentiert und reflektiert.“ (aus Tacheles Themenheft: Pädagogische Ansätze und Handlungskonzepte, S. 7)
  • Räume als „dritter Erzieher“ Vorraussetzung, um Kindern das Lernen im Situationsansatz zu ermöglichen, ist die Schaffung einer anregungsreichen Lern- und Erfahrungsumgebung im Innen- und Außenbereich. Durch die Gestaltung der Räume und die Materialauswahl fordern wir die Kinder heraus, selbsttätig zu sein und ihrem Forscher- und Entdeckungsdrang nach zu gehen. Räume werden in anregungsreiche Umgebung verwandelt mit Materialien, die frei zugänglich und Veränderbar sind. Das naturnahe Außengelände und die Innenräume bieten zahlreiche Bewegungsanreize. Die Räume sind veränderbar und werden aktiv von den Kindern mitgestaltet.
  • Das Kinderhaus versteht sich als lernende Organisation. Unsere gesamte Arbeit wird fortlaufend reflektiert, weiterentwickelt und dokumentiert.
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